Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Aus reiner Liebe radikal entäußert

Dr. Thomas Witt ist Dechant des Dekanates Büren-Delbrück und Leiter des Pastoralverbundes Delbrück und Sudhagen.

Der Christushymnus des Philipperbriefes bringt das Geheimnis der Selbstentäußerung Jesu auf den Punkt. Dechant Dr. Thomas Witt sieht darin den Verstehensschlüssel für das ganze Leben Jesu.

von Dr. Thomas Witt

Mit dem Palmsonntag be­ginnt die Heilige Woche. Er ist damit das Tor in die Feier, in der wie in keiner anderen das Geheimnis unserer Erlösung aufscheint.
In der Liturgie des Palmsonntags wird uns ein Text als 2. Lesung geboten, der zu den bedeutendsten Texten des Neuen Testamentes gehört, weil er zum einen schon älter ist als die paulinischen Briefe und von Paulus schon zitiert wird, zum anderen weil er in aller Kürze das Geheimnis Jesu und seiner Sendung beschreibt.
„Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave.“ Diese Worte sind ein Verstehensschlüssel für das ganze Leben Jesu, von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Das ganze Leben Jesu ist ein einziges Sich-Herabbeugen, ein Sich-Entäußern. Es beginnt mit seiner Menschwerdung, wo sich die tiefste Erniedrigung Gottes zeigt: Der ewige Sohn Gottes, dem Vater gleich an Herrlichkeit und Leben, verbindet sich mit der sterblichen Menschheit. Er hält nicht daran fest, wie Gott zu sein. Der Philipperbrief ist hier dem Beginn des Johannesevangeliums sehr ähnlich: Im Anfang war das Wort, … Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Der Hymnus des Philipperbriefes würde sich auch als Weihnachtslesung eignen. Aber warum handelt Gott so?
Das Neue Testament hält dafür nur eine Antwort bereit: Aus Liebe! Aus einer Liebe heraus, die wir nicht begreifen können, weil sie göttlich ist, geht der Sohn diesen Weg der Entäußerung, um den Menschen aus seiner Verlorenheit zu befreien. Es hält ihn nicht im Himmel. Er will zum Menschen, um ihn zu Gott zu führen.
Die Entäußerung, die sich am grundlegendsten in der Menschwerdung zeigt, setzt sich im irdischen Leben Jesu fort: sie führt ihn nach Jerusalem, wo er den Händen der Menschen ausgeliefert wird und das Schicksal vieler Menschen teilt, die in die Hände ihrer Gegner fallen. Davon künden am Palmsonntag die 1. Lesung und die Passion. Beide Texte zeigen, wo die Heilige Woche ihren Höhepunkt finden wird: in der Liebestat Jesu am Kreuz. Hier kommt die Erniedrigung Gottes an ihren tiefsten Punkt. Und hier wird sie gleichzeitig auch zum Wendepunkt der Geschichte.
Die Lesungen der Messfeier des Palmsonntags spiegeln gar nicht den Anlass, der dem Sonntag den Namen gab: den Einzug Jesu in seine Stadt Jerusalem. Davon hören wir in dem Evangelium, das vor der Palmsonntagsprozession gelesen wird. Da könnte man meinen, dass die Menschen doch mehr vom Geheimnis Jesu verstanden hatten, als es zunächst schien. Sie jubeln ihm zu und nennen ihn den, der „kommt im Namen des Herrn“. Für einen Moment strahlt etwas auf von der göttlichen Herkunft Jesu. Für einen Moment ahnen die Menschen, dass sie in Jesus dem Geheimnis Gottes näherkommen. Für einen Moment sieht es so aus, als ob alles ein gutes Ende nehmen würde.
Aber der Eindruck täuscht. Die Masse ist wankelmütig. Heute schreien sie „Hosianna“, morgen „Kreuzige ihn!“ Der Mensch erkennt nicht die Stunde des Heiles. Er kann nicht hinter das Vordergründige schauen. Er sieht nur den Menschen und übersieht Gott.
Erst später, nach Ostern, am Pfingsttag, wird diesen Menschen deutlich, was geschehen ist: Petrus hält es ihnen in seiner Pfingstpredigt vor: „Jesus, den Gott vor euch beglaubigt hat … habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz schlagen lassen.“ Diese Worte trafen sie mitten ins Herz. (Apg 2,37)
Das ist es, was in der Heiligen Woche geschehen sollte: Das Gedenken des Leidens Jesu sollte uns ins Herz treffen, damit wir ihm unser Leben schenken.


19.05.2012
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