Niederländisches Bibelschiff ankert bis Oktober in Köln
Auf dem Kickboard durch die Arche
Seit Mitte Juli ankert im Herzen von Köln, am Kai vor dem Schokoladenmuseum die Arche Noah, ein Nachbau von biblischen Ausmaßen und quasi ein Erlebnispark über vier Stockwerke. Das ambitionierte Projekt des 55-jährigen Niederländers Aad Peters ist ein 70 Meter langer Nachbau der Arche, auf deren Reisen er die Geschichten und Grunderfahrungen der Bibel vermitteln will.
von Alexander Brüggemann
„Viele Kinder kennen doch die tollen Geschichten der Bibel gar nicht mehr“, sagt Aad Peters. „Je multikultureller es in Westeuropa wird, desto mehr müssen wir unsere eigene Kultur kennen.“ Sein Mittel dagegen ankert seit Mitte Juli im Herzen von Köln, am Kai vor dem Schokoladenmuseum: die Arche Noah, ein Nachbau von biblischen Ausmaßen und quasi ein Erlebnispark über vier Stockwerke.
Aad Peters ist ein niederländischer Puppenspieler, TV-Entertainer und Journalist. Seit 1980 hat er weltweit in rund 50 Ländern gearbeitet und 6000 Veranstaltungen bespielt. Neben vielfältigem sozialem Engagement warb er in vielen Konfliktregionen für Versöhnung, darunter acht Jahre (1983-1990) im libanesischen Bürgerkrieg, in Syrien oder im Iran, wo er in 120 Fernsehprogrammen mitwirkte.
In den Niederlanden gab er in den 80er Jahren dem religiösen Sender „Evangelische Omroep“ (EO) ein farbiges Gesicht; für RTL hob er die „Mini Playback Show“ aus der Wiege. Seinen nationalen Durchbruch schaffte er mit der Figur des Tukans „Sir Geoffrey“, der auf freche Weise Politiker und Promis interviewt und teils überraschende Antworten erhält. So erhielt „Sir Geoffrey“ als einziger Medienvertreter in den Niederlanden ein Statement des gerade aus der Haft entlassenen Nelson Mandela; mit Frank Sinatra sang er gemeinsam „My Way“.
Mit 46 Jahren wurde Aad Peters von Königin Beatrix in den Ritterstand erhoben. Sein jüngstes und bislang größtes Projekt ist nun der 70 Meter lange Nachbau der Arche, auf deren Reisen er die Geschichten und Grunderfahrungen der Bibel vermitteln will: Schon mal Goliath eins mit der Schleuder verpasst? Oder in König Salomos Schlafzimmer Mäuschen gespielt? Wie Samson die Säulen des Tempels eingerissen? Noah bei seiner Fahrt mit dem Kickboard durch die Arche zugeschaut?
Vier Stockwerke voller Ideen, Geschichten und Merkwürdigkeiten. Warum etwa hat Noahs Frau zwei Vögel in ihrer Brust? „Geben Sie sich selbst die Antwort“, sagt Aad Peters. „Ich habe schon so viele wunderbare Antworten bekommen.“ Ein Türke sagte ihm: weil Frauen sich oft eingesperrt fühlten. Ein Lateinamerikaner: weil Frauen so geschwätzig seien. Und Bischof Joseph Punt von Haarlem, ein Freund von Peters, meinte bei der Einweihung des Schiffs: „Wovon das Herz voll ist, davon singt man.“ Kinder, so weiß der Puppenspieler Peters, verstünden viele Dinge auf ihre Weise: „Ich muss nicht alles erklären“.
Sein Ziel: Die Bibel mit ihren tollen Geschichten soll zurück auf den Tisch. „Aber ich will die Menschen interessieren, nicht belehren.“ Eher dünne Texttafeln, ein Quiz, das die Kinder beim Parcours lösen können: behutsame Medien zur Vermittlung von Glaubenswissen. Der 55-Jährige mit dem Pferdeschwanz will kein Missionar sein auf seiner Arche; er möchte als erstes, dass die Kinder die Geschichten und Grunderfahrungen der christlichen Kultur überhaupt kennenlernen – oder neu erfahren.
Dafür nimmt er viele 16-Stunden-Tage und auch großes finanzielles Risiko in Kauf. Erworben hat Peters das Schiff im Oktober 2010 von einem niederländischen Unternehmer – der eigentlich nur zeigen wollte, wie so eine Arche wohl ausgesehen hat. Erst Peters füllte sie mit Leben, gestaltete sie nach eigenen Ideen und mit lebensgroßen Figuren aus, die die tschechische Grafikerin und Bildhauerin Michaela Bartonova gefertigt hat. Ständig ist er unterwegs, derzeit zwischen Gouda, Köln und Prag, wo er für die neue Station die Figur des Erzvaters Abraham abholt. „Es kommt mir nicht darauf an, wie teuer etwas ist, sondern was für einen Wert es hat“, sagt der Künstler: „Wenn ich meine, die Sache ist es wert, dann ist es nicht zu teuer gewesen.“
„Zwischen Amüsement und Tiefgang“ sucht er eine Balance, und, zunächst kaum merklich, werden die Fragen beim Rundgang ernster. Wie König Salomo kann man sich beim Blick in den halbblinden Spiegel vom Plüsch-Fauteuil fragen, ob man im Leben Reichtum oder Weisheit sucht; Verzerrung, Zerstreuung oder Gradlinigkeit; viele Frauen und Götter – oder Treue. Salomo hat hinter jeder Tür eine Frau – die jede einer anderen Religion anhängt. Doch die Spiegel an den Türen sind geborsten: Etwas in Salomos Leben ist kaputtgegangen.
Ein Einhorn hat noch nie jemand gesehen – eine Auferstehung von den Toten auch nicht. Aber heißt das auch, dass es beides nicht gibt? Dort in der Kreuzigungsgruppe hängt doch zumindest das Horn eines Einhorns – oder ist es das eines Narwals? Es sind solche originellen Visualisierungen, mit denen Aad Peters Interesse weckt: mit der Waage zwischen Kain und Abel, deren Waagschalen scheinbar in die falschen Richtungen weisen. Doch sie funktionieren nach Gottgefälligkeit, nicht nach Gewicht: Die leichten Tierfelle des Abel wiegen schwerer; das viele Getreide des Kain bleibt oben. Oder die Gesetzestafeln, die dem Mose breitbeinig nachlaufen: Das Gesetz ist immer bei dir, so lautet die Botschaft; du kannst nicht ohne Gesetze sein.
Der Baum des Lebens, der sich über alle vier Stockwerke erstreckt und gleichsam das Herz der Arche bildet; Man-grovenwurzeln aus den USA, Lianen aus dem Amazonas; ausgestopfte Giraffen von sechs Metern Länge: Peters versteht zu inszenieren. Überall auf der Welt hat er Kinder unterhalten und von Kindern gelernt, was Kinder anzieht. Der Beichtstuhl im Treppenhaus etwa wirkt wie ein Magnet: kaum ein Besucher, der nicht stehenbleibt, sich setzt und anfängt, mit seinem Gegenüber zu flüstern. „Das machen auch die Protestanten“, meint der Entertainer schmunzelnd.
Sogar echte Tiere – Kaninchen – hoppeln über das Oberdeck der Arche. „Am Anfang waren es noch viel mehr“, erzählt Peters: Rentiere, Esel, Lamas, Dromedare und Schafe waren in den ersten Monaten an Bord. „Aber so eine Arche ist tatsächlich sehr tierunfreundlich. Wir wollten ihnen das nicht auf Dauer antun.“
Rund 25000 Besucher hat das Bibelschiff bislang seit seinem Start im Februar in drei niederländischen Städten angezogen. Das Reisen ist im Prinzip praktisch: Die Besucher werden dort abgeholt, wo sie sind. Doch leider wurde der Nachbau ursprünglich mehr nach biblischen Ausmaßen denn zum Transport nach den Gepflogenheiten moderner Flussschifffahrt konstruiert: Stolze 13 Meter sind für die meisten Brücken schlicht zu hoch. Und so träumt der nimmermüde Puppenspieler schon von einem anderen, einem flacheren Schiff – das ihn und seine Familie bis hinunter ans Schwarze Meer bringen könnte.







