Zu Hindernissen der Integration und zur Standortbestimmung im deutsch-türkischen Verhältnis
Angst ist kein guter Ratgeber im Kontakt mit dem Islam
Das Christliche Bildungswerk Die Hegge in Willebadessen fühlt sich seit Jahren dem christlich-islamischen Dialog verpflichtet. In diesem Zusammenhang stand auch eine Tagung, die sich Anfang März genau mit der Thematik einer neuen Angst vor dem Islam beschäftigt hat. Der Theologe Michael Gennert, Leiter der Hegge, beschreibt die Motivation zur Tagung sowie die Erfahrungen bei ihrem Verlauf.
von Michael Gennert
Das Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland ist in der öffentlichen Meinung nicht selten geprägt von Vorurteilen, Klischees und Ängsten. Angst war jedoch noch nie ein guter Ratgeber und lähmt jede Entwicklung. In dieser Situation sind die christlichen Kirchen herausgefordert, das Gespräch mit den Muslimen zu führen. Bereits in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate“ von 1965 „ermahnt die Heilige Synode alle, (...) sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen“. Diesem Anliegen weiß sich das Christliche Bildungswerk Die Hegge in besonderer Weise verbunden. Seit fast fünf Jahrzehnten sind christlich-jüdische Gespräche und seit knapp zehn Jahren auch christlich-muslimische Tagungen ein fester Bestandteil der Bildungsarbeit der Hegge. So gehörte die Islam-Tagung im vergangenen Jahr zu den wenigen Beiträgen, die in Ostwestfalen zur ersten christlich-muslimischen Friedenswoche in Deutschland angeboten wurden.
Da der Islam in Deutschland mehrheitlich türkisch geprägt ist, zeigt sich die Verständigung zwischen Christen und Muslimen zugleich als ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Integration. Auf der einen Seite ist es notwendig, dass sich der Islam unter den Bedingungen eines weltanschaulich neutralen Staates neu formiert, um den Anforderungen von Staat und Religion gerecht zu werden. Auf der anderen Seite fühlen sich immer mehr Muslime – nicht zuletzt dadurch, dass die islamistischen Terroristen das Bild des Islam in der Öffentlichkeit prägen – missverstanden und dem pauschalen Vorwurf extremistischer Zielsetzungen ausgesetzt. Umso wichtiger ist in der gegenwärtigen Situation ein Austausch über die gesellschaftlichen und religiösen Aufgaben, um einem Klima von Angst und Aggression entgegenzuwirken.
Daher fragte unsere Tagung nach der „Angst vor dem Islam?“ und bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich drei Tage lang ein Bild über die „Hindernisse der Integration und die Standortbestimmung im deutsch-türkischen Verhältnis“ zu machen. Neben Prof. Dr. Udo Steinbach und Prof. Dr. Paul Leidinger, deren Referate in dieser Ausgabe abgedruckt sind, konnte mit dem ehemaligen Sprecher des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland, Dr. Bekir Alboga (DITIB), einer der führenden muslimischen Verbandssprecher gewonnen werden. Einen „enormen Fortschritt für das gemeinsame Handeln der heterogenen muslimischen Gemeinschaft“ sah er in der Einrichtung des Koordinationsrates. Wer die Arbeit der muslimischen Verbände, die Alboa durchaus selbstkritisch sieht, schon länger verfolgt, konnte an diesem Wochenende durch manche Einschätzung positiv überrascht werden. So bleibt neben der Informationsvermittlung auch die persönliche Begegnung mit Muslimen ein wichtiges Ziel unserer Tagungen. Dank der guten Kooperation mit dem Integrationsbüro des Kreises Höxter konnten auch muslimische Teilnehmer gewonnen werden. Dennoch war es für beide Seiten nicht immer einfach, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen und dessen Selbstverständnis in den Blick zu nehmen.
Die Teilnehmenden wurden aufgefordert, die Situation muslimischer Familien mit deren Augen zu betrachten: „Unsere Kinder sind in Deutschland geboren, die Türkei ist ihnen fremd. Selbst wenn wir wollten, haben wir kaum mehr Chancen für eine gelungene Übersiedlung in die Türkei.“ So gaben die mitunter heftigen Diskussionen genügend Raum, Enttäuschungen, Verletzungen und kritische Entwicklungen auf beiden Seiten zu artikulieren und gegenseitig wahrzunehmen.
Bildung kann Angst und Fundamentalismus überwinden. Daher gehört die Information, wie die Förderung des guten Willens und die Unterstützung aller Beteiligten zum Zuhören und zum Dialog zu den wichtigen Kriterien unserer Arbeit. Die ungeheure Dynamik im interreligiösen Dialog des vergangenen Jahres, wie beispielsweise die vom saudi-arabischen König angeregte Weltkonferenz für den interreligiösen Dialog in Madrid (Juli 2008) und das erste katholisch-muslimische Forum im Vatikan (Nov. 2008), benötigt unbedingt eine „Erdung“ im Alltag, um nicht folgenlos zu bleiben. Als einen bescheidenen, aber notwendigen Beitrag dazu versteht Die Hegge ihr Engagement im interreligiösen Dialog.







