Aktuelle Ausgabe
2012-20

Sich auf den letzten Pilgerweg zu machen, bedeutet frei sein für Gott

Alles hat seine Zeit - auch der Abschied

„Herr Pastor, wenn Sie zu unserer Tante gehen, tun Sie so als ob Sie zufällig vorbeikommen, nicht so, als wenn Sie von uns gerufen worden wären.“ und „ Wenn Sie die Krankensalbung spenden, machen Sie es so, dass sie nichts merkt.“ Diese oder ähnliche Sätze begegnen mir als Krankenhausseelsorger häufiger. Wenn der Pastor kommt, gibt es keine Rettung mehr! Abschied zu nehmen vom Leben, scheint ein immer größeres Tabu in der Gesellschaft zu werden.

von Pfarrer Thomas Thiesbrummel

Manchmal scheint es so als ob der Tod persönlich kommt. Die Ängste und Sorgen sind vielschichtig. Oft sind gerade Angehörige oder Menschen aus der nächsten Umgebung eines sterbenden Menschen verunsichert und überfordert. Die größte Krise unseres Lebens, das Sterben und der Tod gehört nicht zu den Themen über die geredet wird. Selten ist die eigene Endlichkeit Gesprächsinhalt, selbst in Familien oder innerhalb einer Lebensgemeinschaft.
Ein Erfahrungswissen einer Gesellschaft geht zunehmend verloren, wo soziale Netzwerke durch professionelle Einrichtungen ersetzt wurden und werden. Menschen sterben zunehmend nicht mehr zu Hause und Mehrgenerationenhaushalte gehören eher der Vergangenheit an. Eine nachfolgende Generation weiß nur bruchstückhaft, was zu tun ist. Traditionen werden manchmal am Sterbebett neu zusammengetragen und erfunden, indem jeder sein eigenes Wissen mit dem der anderen verbindet. Dass dies nicht immer harmonisch verläuft, lässt sich denken. Manchmal sind Familien durch die weiten Entfernungen ihrer Wohnsitze auch emotional und zeitlich nicht in der Lage an der Seite ihrer Angehörigen zu sein. So kommt es zu Äußerungen, wie „Opa ist immer in die Kirche gegangen. Es wäre schön, wenn sie noch mit ihm beten, dazukommen können wir aber nicht“. Die eigene Distanz zu dem Begleiten im Glauben hat zunehmend auch mit einem ganz anderen Abschied der Angehörigen zu tun. Andere sind einfach überfordert.
Ehrenamtliche Helfer in den Krankenhäusern (zunehmend aus Hospizgruppen) begleiten Menschen in ihrem Sterben. Es sind oft hochmotivierte und gut ausgebildete Menschen, die sich da einsetzen. Allerdings sind es immer noch zu wenige, sodass manch einer auch alleine stirbt.
Manche wollen aber auch einfach allein sein und finden jede Form von menschlicher Nähe als belastend und einengend! Dies herauszufinden und dann noch zu akzeptieren, birgt ebenso manche Schwierigkeiten.
Als Krankenhausseelsorger erlebe ich den Umgang mit den Grenzen des Lebens fast jeden Tag. Es sind die Worte aus dem Buch Kohelet, das alles seine Zeit hat, die manchem Tag gleichsam eine Überschrift geben. Nicht planbar und jeden Augenblick möglich, so ist der Tod auch oft wie eine Geburt, der Übergang in eine andere Wirklichkeit, das Loslösen von der Nabelschnur dieser Welt.
Manches Sterben und Abschied nehmen ist ein sanftes Hinübergleiten, anderes wiederum ein K(r)ampf, manches Mal kommt der Moment des Todes innerhalb eines Augenblickes, ein anderes Mal stunden- und tagelanges Ausharren bis der Tod eintritt. Auf jeden Fall ist das Werden und das Vergehen menschlichen Lebens ein äußerst intimer Zeitpunkt. Im Krankenhaus heißt das, aufmerksam darauf zu achten, welchen Raum Geburt und Tod haben. Für die heutigen Gesundheitszentren sind die Bilder und Anzeigen von glücklichen Geburten bestimmt werbewirksamer, wie die Todesanzeigen. Die Palliativmedizin und die Hospizinitiativen öffnen dort ein neues Denken, das Mut macht.
Eine für pflegende Angehörige besonders schmerzhafte und nicht besonders seltene Erfahrung ist, dass sie im Augenblick des Todes nicht dabei waren, bei einigen Menschen waren es nur kurze Momente der Abwesenheit. Und das nach jahrelanger Pflege. In mancher Trauer ist dieser fehlende Abschied zum Schluss nur schwer anzunehmen. Ähnlich ist das nicht mehr gesagte Abschiedswort gerade bei einem plötzlichen Tod ein tiefer Schmerz und führt auch zur Wut und Enttäuschung gegenüber dem Verstorbenen.
So ist der Abschied vom Abschied erst der Schritt zum endgültigen Loslassen können. Als Priester finde ich in der Eucharistie, in der Beichte und in der Krankensalbung wichtige Sakramente an der Seite von Christen, die bewusst Abschied nehmen, ihren irdischen Pilgerweg beenden, ihren Rucksack ablegen und sich frei machen für Gott. Und dieser Gott zeigt seine Nähe schon hier in der Welt. Die Sakramente werden somit zur Brücke in das himmlische Jerusalem.
Zum Schluss möchte ich noch mein eigenes inneres Bild für den Abschied benennen. Es ist der Sprung in die liebenden Arme Gottes. Ein Moment vor dem ich aber jede Menge Respekt habe. Wie ein Drachenflieger, der sich mit seinem Fluggerät von der Rampe stürzt und darauf baut, das sein Drachen hält und das ihn etwas trägt, was er nicht sieht, aber trotzdem da ist.
Abschied nehmen und loslassen, um zu leben!


19.05.2012
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