Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Adventliche Menschen werden

von Elsbeth Bihler

Alle Jahre wieder, so auch in diesem Jahr, sind die tüchtigen Geschäftsleute rechtzeitig mit ihrem Weihnachtsangebot in den Auslagen, spätestens ab Mitte November werden wir in den Geschäften mit Weihnachtsmelodien berieselt. Mag sein, dass wir diese Erscheinungen eher genervt zur Kenntnis nehmen. Aber trotz dieser äußeren Wahrnehmung kommt der Advent für viele von uns wieder überraschend. Schon wieder ein Jahr vorbei?
Nach dem ersten Erstaunen finden wir uns aber schnell in dem vorweihnachtlichen Getriebe wieder und hetzen, wenn nicht durch die Geschäfte, dann vielleicht von Besinnung zu Besinnung. Wie sehr stehen dazu die Texte und Zeichen des ersten Advents im Gegensatz! Da ist nichts als die eine erste Kerze. Eine Kerze, die wir ohne Dunkelheiten gar nicht wahrnehmen würden.
Licht und Dunkel, Bedrohung und Heil, diese Gegensätze kommen an diesem ers­ten Advent auch in den Texten der Liturgie zum tragen. Tröstende Worte hören wir von Jeremia: Von Heil, Rettung, Recht und Gerechtigkeit ist da die Rede. Schöne Worte mögen wir denken, aber sind sie auch für mich bestimmt? Brauche ich diese Rettung, diese Gerechtigkeit? Eigentlich haben wir uns doch, trotz mannigfaltiger Krisen in Politik und Wirtschaft, ganz gut eingerichtet. Eigentlich. Aber vielleicht auch nicht? Tragen wir die Sehnsucht nach Heil und Erlösung wirklich in uns?
Paulus findet in der zweiten Lesung eher ermahnende Worte: „Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander …“. Das ist schon eher ein frommer Wunsch für uns, nur manchmal schwer in den Alltag hinein zu übertragen, wenn einem die lieben Mitmenschen, wer immer das auch sei, gehörig auf den Geist gehen. Aber wir sollen ja wachsen und reich werden darin.
Und was kommt jetzt im Evangelium, „Frohen“ Botschaft? Das wirkt doch eher bedrohlich: Die Menschen werden vor Angst vergehen, sie werden bestürzt und ratlos sein, die Kräfte des Himmels werden erschüttert. Das soll Frohe Botschaft sein? Das wird wohl nichts mit dem ach so beschaulichen und besinnlichen Advent.
Und bei all dem, was in der Welt, in unserem näheren und weiteren Umfeld geschieht, könnte man ja meinen, dass diese dabei von Jesus beschriebene Endzeit längst angebrochen ist.
Aber dann steht da zugleich auch: „Wenn all das geschieht, dann richtet euch auf und erhebt euer Haupt, denn eure Erlösung ist nahe …“. Kann das denn sein, mitten im Chaos und im Untergang? Kann das denn sein mitten in verworrenen Lebenssituationen, in zerbrochenen Beziehungen und gescheiterten Lebensentwürfen?
Ja; das kann sein, wenn wir das, was danach folgt auch ernst nehmen: „Nehmt ­euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren.“ Wenn nicht Rausch und Trunkenheit, dann ist es der Alltag, der uns überrollt, der uns die Erfahrung machen lässt: Wie, schon wieder Advent? Ist es schon wieder so weit?
Aufmerksamkeit ist von uns gefragt, oder, wie Jesus es im Evangelium sagt: „Wacht und betet allezeit“. Das ist eine Aufforderung zur Wachsamkeit, die unser ganzes Leben durchdringen soll. Wachsam sein für das Leben, für die Menschen, für die Nöte und Sorgen der Menschen um uns und das Bedenken all dessen im Gebet, das ist es, wozu wir heute am ersten Advent aufgefordert werden.
Ich wünsche, dass uns das immer besser gelingt, dass wir darin, wie Paulus sagt, noch vollkommener werden. Damit wir in unserem ganzen Leben zu adventlichen Menschen werden, die wissen, dass sie erlösungsbedürftig sind und die damit rechnen, dass Gott da ist und mitträgt.


19.05.2012
Impressum | Kontakt
4002