Beim Mysterienspiel in Kleinenberg machen sich die Zuschauer auf den Weg der Gottesmutter
Acht Mal Maria
Das Mysterienspiel Maria wird am ersten Wochenende im Juli im ostwestfälischen Wallfahrtsort Kleinenberg aufgeführt. 60 Laiendarsteller zeigen acht Szenen aus dem Leben der Muttergottes. Das Besondere an dieser Aufführung ist: Nicht die Schauspieler kommen abwechselnd auf die Bühne, sondern die Zuschauer gehen in Gruppen von etwa 60 Personen durch das Wallfahrtsgelände von Szene zu Szene. Deshalb gibt es beim Kleinenberger Mysterienspiel auch acht Darstellerinnen der Maria.
von Matthias Nückel
(Text und Fotos)
„Hier bekommt man eine Gänsehaut“, sagt Anja Dickgreber. Gerade hat Franziska Schnieder nach der Himmelfahrt Mariens in der Pfarrkirche das „Ave Maria“ gesungen. Die Paderborner Studentin setzt mit ihrer glockenhellen Stimme den eindrucksvollen Schlusspunkt des Kleinenberger Myterienspiels.
Zum vierten Mal seit dem Jahr 2000 wird das Mysterienspiel in Kleinenberg in diesem Jahr aufgeführt. Doch die Tradition der Darstellung von Szenen aus dem Leben der Gottesmutter reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Der damalige Pfarrer Heinrich Winnimar Leifferen hatte das religiöse Theater ins Leben gerufen. Als die Kostüme zerschlissen waren und die Gemeinde kein Geld für neue hatte, wurde das Mysterienspiel eingestellt. Im Jahr 2002 schließlich wurde die Tradition wieder belebt.
60 Laienschauspieler sind in diesem Jahr dabei, denn gegenüber der Aufführung 2007 sind neue Szenen hinzugekommen. Die Darsteller haben fast alle schauspielerische Erfahrungen im Jugendtheater von Kleinenberg gesammelt. „Ich habe letztes Jahr im Jugendtheater den Wicki gespielt“, berichtet Cederic Dickgreber, der nun im Tempel einen Schriftgelehrten darstellt. Bei Wicki sei er mehr gefordert gewesen, weil das Stück länger ist als die relativ kurzen biblischen Szenen.
Dennoch stellt das Mysterienspiel an die jungen Schauspieler einige Anforderungen. „In die Sprache muss man sich erst hineinfinden“, sagt Max Aliotta, der in der Tempelszene den Jesus spielt. „Es ist schon eine anspruchsvolle Aufgabe“, fügt Julia Herr hinzu. Die Darstellerin der Maria im Tempel betont: „Es kommt darauf an, den Zuschauern auch die Gefühle nahezubringen.“ Und das vor wechselndem Publikum. So ist es für die Schauspieler, die die gleiche Szene acht Mal am Tag spielen, nicht jedesmal dasselbe, wie Josef-Darsteller Franz-Josef Mehring erzählt. „Es ist immer wieder neu, weil man sich auf die Zuschauer einstellen kann.“ Dass die Schauspieler an beiden Aufführungstagen ihre Szene acht Mal darstellen müssen, liegt an der Konzeption des Mysterienspiels. Es gibt keine Theaterbühne, sondern acht Orte für die Aufführungen im Kleinenberger Wallfahrtsgelände. Die Zuschauer wandern in Gruppen von etwa 60 Personen im halbstündigen Rhythmus von Szene zu Szene. Begleitet werden die Gruppen von je zwei Führern.
Nach „Mariä Heimsuchung“ folgt der Weg nach Bethlehem. „Gerade diese Szene kann man nicht planen“, sagt Pia Quinte, die hier die Maria darstellt. Denn auf dem Weg nach Bethlehem ist ein richtiger Esel mit dabei. Und obwohl der Esel „Ben“ Pia gehört, hat er seinen eigenen Kopf. „Er läuft immer anders“, erzählt Pia. Auch sie hat mit der Schauspielerei im Kleinenberger Jugendtheater angefangen, das seit 25 Jahren von Ingrid Beseler geleitet wird. Ingrid Beseler, die auch beim Mysterienspiel Regie führt, kann so immer auf begabte junge Schauspieler zurückgreifen. Die „erste Sichtung“ erfolgt beim Krippenspiel der Kommunionkinder, dann folgt das Jugendtheater und schließlich – als Höhepunkt – die Teilnahme am religiösen Theater. „Das Mysterienspiel ist schon etwas Besonderes“, sagt Michael Hamm, der beim Kreuzweg den Jesus spielt. Und die Maria dieser Szene, Rabea Schreckenberg, betont: „Das Mysterienspiel ist eine Herausforderung. Es gibt nicht viel Bewegung, man muss alles mit der Mimik und der Stimme erreichen.“
Dass dies den meist jungen Schauspielerinnen und Schauspielern gelingt, wird in jeder Szene deutlich. Beeindruckend etwa spielt Jana Welzel die Veronika, die Jesus das Schweisstuch reicht. Und wenn Anja Dickgreber als Maria Magdalena unter dem Kreuz ruft „Herr, ich habe dich geliebt“, läuft vielen Pilgern ein Schauer über den Rücken. Gefühlvoll geht es auch bei „Maria trauert um Jesus“ am Brunnen bei der Mariengrotte zu. Nach Beendigung der Szene kann die jeweilige Zuschauergruppe noch kurz an der Grotte Kerzen anzünden und verweilen. Plötzlich ertönt hoch oben vom Felsen das Lied „Segne du Maria“, das fünf junge, in weiß gekleidete Frauen mit Gitarrenbegleitung singen.
Neben den 60 Darstellern ist das halbe Dorf Kleinenberg am Wochenende der Aufführungen eingespannt. „Es ist faszinierend, wenn ein kleiner Ort so etwas erreicht“, meint Michael Hamm. Vereine helfen bei der Organisation, und viele Frauen haben mit dem Nähen der Kostüme zum Gelingen beigetragen. Auch die Requisiten wurden in Eigenleistung gebaut, wie die große Hand für die Schlussszene, welche die „Hand Gottes“ symbolisiert. In der Kulisse steht „Maria“ Mareike Bunte und symbolisiert die Botschaft der Gottesmutter von der schützenden Hand Gottes an die Menschen.
Wie sehr das Mysterienspiel die Menschen in seinen Bann zieht, zeigt sich zum Einen darin, dass sich viele Zuschauer für dieses Jahr bereits angemeldet haben, die schon vor drei Jahren dabei waren. Vielleicht kommt auch jener Mann wieder, der 2007 vor Beginn der Aufführungen klagte, seine Frau habe ihn „mitgeschleppt“. Später rief er bei den Organisatoren des Mysterienspiels an und meinte: „Ich möchte ihnen nur sagen: Wenn ich das nicht erlebt hätte, hätte ich in meinen Leben wirklich etwas verpasst.“
Info
Das Mysterienspiel Maria in Lichtennau-Kleinenberg wird am 2. Juli ab 16 Uhr und am 3. Juli ab 14 Uhr aufgeführt. Die Führungen der Zuschauergruppen beginnen jede halbe Stunde am Pfarrheim. Am dritten Juli um 21 Uhr findet eine Lichterprozession vom Muttergottesbrunnen zur Wallfahrtskirche statt. Eintritt inklusive Textheft 8 Euro, Kinder bis 16 Jahre 5 Euro.
Weitere Informationen und Anmeldung: Ingrid Beseler, Tel: 05647/946868 oder 0175/1248814.







