Estlands Metropole Tallinn ist eine echte Kulturhauptstadt 2011
Schöne im Norden
„Warum Reval niemals fertig werden darf“, so heißt ein Märchen des estnischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803-1882) aus dem Jahr 1866. Und doch geschah es, gerade mal ein Jahrhundert später. Reval war fertig: eine restlos heruntergewirtschaftete Provinzstadt im Westen der Sowjetunion. Reval. Schon den Namen kennen wohl die meisten nur noch als Zigarettenmarke. Reval, so heißt aber auch die Europäische Kulturhauptstadt 2011.
Text und Fotos Alexander Brüggemann (KNA)
Reval, das ist der Jahrhunderte alte deutsche Name der estnischen Ostseemetropole Tallinn. Auferstanden aus Ruinen, präsentiert sich die Schöne im Norden heute als eine der intaktesten mittelalterlichen Städte des Kontinents: jung, kreativ und anziehend.
Die Zahl ihrer Geschichten allein qualifiziert Tallinn zu einer Hauptstadt Europas – hat sie doch eine dänische, eine deutsche, eine schwedische, eine russische und eine finnische Geschichte; die baltische und die estnische natürlich nicht zu vergessen. Das heutige Estland war im Spätmittelalter Teil Alt-Livlands, aufgeteilt zwischen den Kreuzrittern des Schwertbrüderordens, zwei Bischöfen und dem dänischen König. Der Hauptort Reval war zugleich eine wichtige Hansestadt mit einer deutschen Bürgerschaft, die sich von der jeweiligen Obrigkeit ihre weitreichenden Handelsrechte fein verbriefen ließ.
Die verwinkelten Straßenverläufe, die kleinen und großen Plätze innerhalb der vollständig erhaltenen Stadtbefestigung: Problemlos könnte man noch heute einen Historienfilm über das Reval vor 500 Jahren drehen – an Originalschauplätzen. Vor allem die alten Bürger-, Handels- und Lagerhäuser aus dem 14. und 15. Jahrhundert zeigen, wie die Warenströme und die Konjunkturkurve damals verliefen: nach oben. Viele Fassaden weisen die typische Dachlukentür auf, in die über eine Rolle Salz, Tee, Mehl und andere Handelswaren in die Speicher gehievt wurden.
Im Wechsel der Zeitläufe, auch nach dem Untergang Alt-Livlands 1558, blieben die Baltendeutschen eine bestimmende Kraft im Ostseeraum, ja sie gelangten bis in den russischen Hochadel und zu einflussreichen Positionen bei Hofe. Die Oktoberrevolution und der gesamteuropäische Umbruch 1917/18 schließlich brachten auch ein Ende des deutschen Namens „Reval“: Tallinn hieß nun die Hauptstadt einer kurzlebigen unabhängigen Republik Estland, zermalmt im Juni 1940 durch den Hitler-Stalin-Pakt.
Trotz seines strategisch eminent wichtigen Ostseehafens bringt die Zeit der „Sowjetrepublik“ Estland Tallinn einen weiteren Niedergang. Der Widerstandsgeist der estnischen Nation freilich war auch durch Moskauer Umsiedlungsmaßnahmen nicht unterzukriegen: Die traditionelle Chor- und Sangeskultur der Esten formte sich 1988 zu einem unüberhörbaren politischen Protest, als auf dem Sängerfestplatz von Tallinn rund 300000 Menschen die verbotene Nationalhymne „Mu isamaa, mu önn ja rööm“ (Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude) sangen.
Dieser „Singenden Revolution“ und dem Aufbruch in die lang ersehnte Freiheit 1989/90 folgte arge Ernüchterung: Die Implosion der Sowjetunion zog zuallererst einen Zusammenbruch der Versorgung nach sich. Lebensmittelknappheit, Hyperinflation, Zukunftsängste – das war die neue Realität in den baltischen Ländern Anfang der 90er Jahre. Dazu die stete Angst vor einer Rückkehr der Russen.
Die Einführung der estnischen Krone 1993 und auch die Nähe zu Finnland sorgten schließlich dafür, dass sich das Land berappelte – und zum Musterknaben der EU-Reformstaaten wurde. Die jüngste Regierung Europas; der erste virtuelle Kabinettssaal per Online-Schaltung: Mit solchen Schlagzeilen sorgte die Wiege von Skype und WLAN für Erstaunen. Zugleich klafft auch hier wie anderswo im Postkommunismus die Schere zwischen Wendegewinnern und -verlierern.
Das alles und noch viel mehr ist 2011 in und rund um die Ostsee-Metropole Tallinn zu besichtigen: ein äußerst reichhaltiges Kulturprogramm aus Geschichte und Gegenwart; schmucke Jugendlichkeit und Lebensfreude; aber auch Bangen und Trotzen in den Nachwehen einer schweren Wirtschaftskrise.
Anders als die Partner-Kulturhauptstadt Turku im benachbarten Finnland, die bei ihrem Programm vor allem auf schräge Einfälle und die landestypische Selbstironie setzt, bietet der reiche Kulturkalender von Tallinn unter dem Motto „Geschichten am Meer“ in mehr als 200 Veranstaltungen alles, was das kulturelle Herz begehrt. Interna-tionalen Statistiken zufolge geht man in Estland häufiger ins Theater und liest mehr Bücher als irgendwo sonst. Hier nur einige Highlights des Programms:
Ab Ende Januar findet das 22. Tallinner Festival der Barockmusik statt. Ende Februar/Anfang März gibt es das Volksfest „Maslenitsa“, das estnische und russische Fastnachtsbräuche präsentiert, und Anfang April den Internationalen Tag der Kinderliteratur.
Unter mehreren Sängerfesten stellt ein internationales Chorfestival Mitte April gleichsam das Steckenpferd der chormusikbegeisterten Esten vor. Die Volkskultur wird repräsentiert durch die „Arche Noah von Tallinn“, die in einem der Türme der Stadtbefestigung die Tiere der Schöpfung als Holzspielzeug zeigt.
Im Juni beginnen die 30. Tallinner Altstadttage mit Handwerk, Straßentheater, Tanz und traditionellen Wettkämpfen wie Speerkampf oder „Papageienschießen“.
Musik, immer wieder Musik: etwa in den Friedensprojekten der „AfroReggae-Jugend“ oder Ende Juni beim Festival für skandinavische Handglockenmusik. Auf dem Rathausplatz soll in der ersten Juliwoche ein Handwerksmarkt der mittelalterlichen Hansestadt aufleben. Und im historischen Rathaus gibt es den sommerlichen Karneval von Tallinn.
Mitte Juli wird die neue Meerespromenade mit einer Hafenregatta historischer Schiffe eröffnet. Für August verspricht der „Tango-Hafen Tallinn“ Tango rund um die Uhr und für jedermann. Das eigenwillige Birgitta-Festival in der Bucht vor der Stadt will eine Symbiose von klassischer Musik und modernem Musiktheater aus aller Welt liefern: Ballett-, Opern- und Oratorieninszenierungen im Ambiente der mittelalterlichen Klosterruine der Birgitten. Das Sommerende markiert im September das IV. Weltmusik-Forum und die Vollversammlung des Internationalen Musikrates.
In Tallinn schlägt auch die Stunde mehrerer Filmfestivals. Die extravagante Theatergruppe NO99 plant ein „Strohtheater“, das aus 9000 Strohballen besteht. Eine Weltpremiere soll die Uraufführung des Werkes „Aadama itk“ werden, das der derzeit vielleicht berühmteste Sohn des Landes, Arvo Pärt, komponiert hat.
Im Advent schließlich gibt es die Weihnachtsmärkte auf den historischen Plätzen der Altstadt: mit Wolle und Leinen, traditionellen Süßigkeiten, Bier und geräuchertem Fisch.







