Lawinenhunde proben auf der Alpspitze für den Ernstfall
Mit kalter Schnauze und kühlem Kopf
Der Himmel ist strahlend blau, verlockend glitzern die unberührten Schneeflächen abseits der Piste in der Sonne. Drei Skifahrer und ein Snowboarder können der pulverigen Versuchung nicht widerstehen und verlassen die gesicherte Strecke. Plötzlich löst sich ein Schneebrett und reißt die Wintersportler mit sich. – Für einen solchen Einsatz übt die Lawinenhundestaffel Oberland auf der Alpspitze jedes Jahr eine Woche im Winter bei eisigen Temperaturen.
von Katharina Ebel (Text und Fotos)
Zwölf Hundeführer und ihre Vierbeiner trainieren, wie man sich aus einem Hubschrauber abseilt, Verschüttete nach einem Lawinenabgang ortet und sie aus den Schneemassen befreit. Dabei kommt es auf Schnelligkeit und Präzision an. Denn wegen des Sauerstoffmangels sinkt die Überlebenschance eines Vermissten nach einer Viertelstunde rapide.
Ohrenbetäubend knattern die Rotorblätter, als das Spezialistenteam durch den aufgewirbelten weißen Staub mit einer Seilwinde abgelassen wird. Aufgeregt bellend durchpflügen die Spürnasen das Gelände, die Schnauzen tief im Schnee, während die Bergretter Meter für Meter im Schneefeld mit ihren übermannslangen Lawinensonden herumstochern – immer in der Hoffnung, so auf ein Opfer zu stoßen.
Was für die Vierbeiner ein Spiel ist, ist für die Verschütteten oft die Rettung vor dem Weißen Tod. „Meistens sind die verunglückten Wintersportler nur ein- bis eineinhalb Meter tief unter dem Schnee begraben“, erklärt Rudi Kolb, Leiter der Staffel. „Aber sie erleiden häufig schwerste Verletzungen, weil die Lawine sie über mehrere hundert Meter über Geröll mitschleift oder sie gegen einen Baum oder Felsen prallen.“ Außerdem drücken die eisigen Massen tonnenschwer auf ihre Brust und machen das Atmen fast unmöglich.
Die Nutzung der feinen Hundenase zum Aufspüren von Menschen ist keine deutsche Erfindung. Der Ursprungsort liegt auf 2 470 Metern Höhe mitten in den Schweizer Alpen: das Klosterhospiz Sankt Bernhard. Der Gründer der christlichen Herberge, Bernhard von Menthon, rief die Augustiner Chorherren um 1050 auf, sich um die Durchreisenden auf dem Pass zu kümmern. Zwischen den Städten Martigny im schweizerischen Kanton Wallis und dem italienischen Aosta war das Kloster eine wichtige Station für Handelsreisende und Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela.
Wegen der häufigen Lawinen war eine winterliche Überquerung des Sankt-Bernhard-Passes lebensgefährlich. Die Mönche des Hospizes beherbergten täglich Reisende und versorgten sie mit Käse, Brot und Fleisch. Der Losung folgend, für das Wohl der Reisenden zu sorgen, entsandten die Chorherren in den kalten Wintermonaten Hospizdiener, die den Pass nach in Not geratenen Reisenden absuchten.
Dabei wurden sie von großen Hunden begleitet, die mit ihrer breiten Brust den Schnee spurten und auch Verschüttete entdeckten. Zu großer Berühmtheit kam ein Bernhardiner, wie die Hunde später hießen, namens Barry. Die Legende besagt, dass er vor etwa 200 Jahren 40 Menschen das Leben gerettet haben soll: Einmal fand Barry einen Knaben halb erfroren in einer Eisgrotte, leckte ihm das Gesicht und wärmte ihn, bis er aufwachte, um ihn dann bis ins Kloster zu tragen.
Damit die Bergung im Notfall gelingt, hoffen auf der Alpspitze erst einmal „Übungsopfer“ – zwei Meter unter einer Schneedecke ihrer Rettung harrend – auf die gute Spürnase der Suchhunde. Sich alleine von den Schneemassen zu befreien ist unmöglich; Luft gibt es in dem selbst geschaufelten Eisgrab nur für vier Stunden, Licht gar keins. Eingehüllt in einen Spezialschlafsack heißt es also ausharren, bis das vertraute Bellen und Scharren des Hundes ertönt. Zweieinhalb Stunden Wartezeit ist dabei nicht ungewöhnlich. Schließlich müssen riesige unwegsame Schnee- und Eisfelder überquert und abgesucht werden, und die Vierbeiner werden schnell müde.
„Such den armen Mann“, ruft Bergwachtler Kolb seiner Kira zu. Auf dieses Zeichen hin setzt sich die Schäferhündin in Bewegung, die Nase gegen den Wind gerichtet. In großen Kreisen schnüffelt sie flink die Umgebung ab und nähert sich bald der „Unglücksstelle“. Sie beginnt aufgeregt zu bellen; der Schnee fliegt in alle Richtungen, während sie sich mit beiden Pfoten tief in das frostige Weiß buddelt. „Gut so“, lobt ihr Herrchen und schaufelt neben dem Tier mit, bis endlich ein Stück Jacke zu sehen ist.
Schnell wird der Unterkühl-te medizinisch versorgt– aber nicht mit Schnaps, wie Kolbs Kollege Winfried Strunz lächelnd klarstellt. Denn Kira, Drigon und Co. tragen kein Fässchen mit Hochprozentigem mit sich wie ihr berühmter Vorfahre, Bernhardiner Barry. An ihrem Halsband baumelt lediglich eine Marke mit der Aufschrift „Bergwacht Suchhund“ – vielleicht sogar tröstlicher für einen eben erst Geretteten. Die oberbayerischen Bergretter halten das Fässchen ohnehin für ein Märchen, ebenso die Geschichte vom „Knabenritt“. „Medizinisch gesehen ist es eine Todsünde, einem Unterkühlten Alkohol zu geben. Und dass ein Hund einen Knaben tragen soll ... aber es gibt nichts, was es nicht gibt“, fügt der Retter nach kurzer Pause hinzu.
Auf dem Sankt-Bernhard-Pass haben die Schweizer Nationalhunde schon seit den 1950er-Jahren ausgedient: Der Helikopter kam auf, die Passstraße wurde ausgebaut, ein Tunnel führt ganzjährig durch den Berg nach Italien. Aber andernorts geht es heute im professionellen Rettungsdienst doch nicht ohne die kalten Schnauzen – trotz moderner Hilfsmittel wie dem „Lawinenpiepser“ und Sonden, die wie zusammenfaltbare Teleskop-Zeltstangen aussehen. Die Verschütteten-Suchgeräte sind technisch zwar gut, aber die wenigsten Wintersportler haben im Notfall einen „Pieps“ dabei. Und wenn doch, ist er oft nicht eingeschaltet oder die Batterie leer. Oder der Besitzer kennt sich mit der Handhabung nicht aus, die geübt werden muss. In diesem Fall hilft, wenn überhaupt, dann nur noch ein Suchhund.
Dass die traditionellen Schweizer Bernhardiner mittlerweile nicht mehr zur Rettung eingesetzt werden, hat auch einen pragmatischen Grund: Die rotbraun und weiß gefleckten Tiere sind im Laufe der Züchtung zu massig und zu schwer geworden. Mit ihren 60 bis 80 Kilogramm bringen sie zu viel Gewicht auf die Waage, um aus einem Helikopter abgeseilt zu werden oder leichtfüßig über Schneefelder zu laufen. Buddeln, bellen, im Schnee spielen und nebenbei Zweibeiner retten – diesen Job haben inzwischen die kleineren Schäferhunde übernommen.
Damit die durchschnittlich 120 Lawinenopfer in den Alpen pro Jahr auch gerettet werden können, wird fleißig geübt. 800 Stunden Training im Jahr wendet jeder ehrenamtliche Lawinenhundeführer und die ehrenamtlichen Helfer der Bergrettung auf, um Wintersportlern im Ernstfall Hilfe zu bieten. Ob die Schweizer Mönche ihre Bernhardiner auf dem Pass ebenso intensiv trainierten, ist fraglich. Fest steht nur: Sie waren die ersten!

- Ein Hundeführer und sein Lawinensuchhund werden vom Hubschrauber abgeseilt. Sie sollen nach verschütteten Skifahrern suchen. Für einen solchen Einsatz übt die Lawinenhundestaffel Oberland auf der Alpspitze jedes Jahr eine Woche im Winter bei eisigen Temperaturen.











