Weihbischof Theodor Kettmann will die Kirche im Dorf lassen
Wenn die Großen den Kleinen helfen, statt ihnen etwas wegzunehmen

- Theodor Kettmann ist Weihbischof im Bistum Osnabrück. Er ist als Bischofsvikar zuständig für den Bereich Caritas und Soziale Dienste. Kettmann wurde 1938 in Besten (Landkreis Osnabrück) geboren. In Cloppenburg machte er sein Abitur, studierte in Frankfurt und Münster Theologie und wurde 1964 in Osnabrück zum Priester geweiht. Nach Stationen in Hamburg, Fürstenau und Osnabrück wurde er 1978 als Domkaplan in Osnabrück im Alter von 40 Jahren zum Weihbischof ernannt und Anfang 1979 geweiht.
Subsidiarität stellt gesellschaftliches vor staatliches Handeln. Bevor die Dinge also auf der großen Bühne gelöst werden, sollten sie zuerst auf der lokaklen angepackt werden, heißt das. Osnabrücks Weihbischof Theodor Kettmann übersetzt das Prinzip mit den katholischen Wurzeln auf den Alltag eines Bistums mit seinen Gemeinden.
von Theodor Kettmann
Können und sollen wir unsere Kirche im Dorf, im Stadtteil lassen? Kann die territorial verankerte Ortsgemeinde künftig den Menschen die Nähe Gottes zusagen, zu einem Leben aus dem Evangelium einladen? Brauchen wir nicht größere Glaubensmilieus? Was soll die Pfarreiengemeinschaft der einzelnen Gemeinde abnehmen? Wie soll sie ihr beistehen, damit sie ihr Gesicht behält und den Menschen Nähe schenken kann?
Solche Fragen haben in den vergangenen Jahren einen Dialogprozess in Gang gesetzt, der die pastorale Landschaft im Bistum Osnabrück enorm verändert. Die Prinzipien der Solidarität und vor allem der Subsidiarität haben ihn nachhaltig geprägt und werden auch in den nächsten Jahren Bedeutung behalten, wenn es darum geht, in Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften Orte lebendigen Glaubens zu behalten. Besonders das Zusammenspiel der einzelnen Gemeinden oder im „Pastoralen Raum“ kann aus dem Prinzip der Subsidiarität stimmig Gestalt gewinnen. Die jeweils größere Gemeinschaft ist ja verpflichtet, der kleineren beizustehen, damit diese ihren Zweck erfüllen kann; und zugleich darf die größere Gemeinschaft der kleineren nichts abnehmen, was sie selbst leisten kann. Drei Gesichtspunkte möchte ich benennen, die die bleibende Aktualität des Subsidiaritätsprinzips belegen:
Im Bistum Osnabrück haben wir folgende Vision entwickelt: „Wir wollen eine missionarische Kirche sein, die Gott und den Menschen nahe ist. Deshalb gestalten wir unser Bistum im Zusammenleben mit den Menschen so, dass sie darin den Glauben als sinnstiftend und erfüllend, kritisch und befreiend erleben, sich in ihrer jeweiligen Lebenswirklichkeit angenommen wissen, ein Zuhause und Gemeinschaft finden.“ Mit diesem Leitbild sind in einer ersten Phase Grundinformationen des Bistums in die Dekanate gegeben worden. Anschließend erfolgte ein Beratungsprozess vor Ort. In einer zweiten Phase wurde eine zukunftsfähige Gestalt des Dekanates erarbeitet. Das Bistum hat Eckdaten zur voraussichtlichen Entwicklung wie beim Personal und den Finanzen eingebracht. Im dritten Schritt wurden Vereinbarungen bezüglich zukünftiger Entwicklungen hin zu Pfarreiengemeinschaften oder neuen Pfarreien getroffen. Die Erfahrung zeigt, dass subsidiär orientierte Beratungsprozesse Bereitschaft zur Mitarbeit fördern, wenn unabänderliche Rahmendaten und -bedingungen formuliert sind.
Im Bistum Osnabrück ist in den vergangenen Jahren also ein intensiver Dialog über die Zukunft der Gemeinden in Bewegung gekommen, der geprägt ist vom intensiven Zusammenspiel der verschiedenen Träger pastoralen Handelns und von der Maxime, dass die Kirche bei den Menschen, im Dorf oder Stadtteil bleiben muss, ohne den größeren Raum zu vernachlässigen. Das ist die Kunst der kommenden Generationen: Kirche braucht ein Gesicht vor Ort, lebt von Eigeninitiative, ortsgebundener Verantwortung, die erst effektive Solidarität ermöglicht. Christlicher Glaube lebt in Zeiten größter Mobilität aber auch stärker von einer personalen statt räumlichen Nähe. Je konzentrierter, globaler die Strukturen auf der einen Seite werden, umso bedeutender werden kleine, lebensfähige Zellen.
Wer sich neu orientieren will, dem tut biblische Orientierung und Vergewisserung gut. Der hl. Paulus legt Subsidiarität als Leitidee in die Wiege der Gemeindegründung. Jedes Gemeindemitglied hat sein Charisma, seine kostbare Geistesgabe zum Aufbau der Gemeinde. Subsidiärer kann man gar nicht denken, zumal für Paulus alle daran Maß nehmen müssen, einander zu dienen. In den paulinischen Gemeinden prägen vor allem Hausgemeinschaften das Bild. Die Hausgemeinde ist Stützpunkt der Mission, Versammlungsstätte für das Herrenmahl, Raum des Gebetes, Ort katechetischer Unterweisung und Ernstfall christlicher Solidarität. Von ihr her lebt der ganze Leib Christi, der die Kirche ist. Wo auch nur zwei oder drei im Namen Jesu Christi versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Noch einmal: Subsidiärer kann man gar nicht denken.



