Die katholische Kirche in Trondheim baut eine neue Kathedrale
"Wir haben jeden Sonntag Pfingsten"
Trondheim – die Stadt im Herzen Norwegens – ist Anziehungspunkt für Touristen und Pilger aus der ganzen Welt. Seit fast 1 000 Jahren bildet Trondheim das christliche Herz Norwegens. Katholische Christen leben hier jedoch in der Minderheit, weil das skandinavische Land seit der Reformation fast ausschließlich lutherisch geprägt ist. Trotzdem herrscht große Aufbruchsstimmung unter den Katholiken: Eine neue Kathedrale soll gebaut werden; ein ehrgeiziges Projekt, einzigartig für Europa.
von Harald Oppitz
Pfarrer Albert Maczka muss nachsitzen. Mit seinem Privatlehrer – einem Freund der Kirchengemeinde – sitzt er in seinem Büro und lernt norwegische Redewendungen: „Gespräche klappen eigentlich schon ganz gut, aber bei Behördengängen merke ich, dass mir noch so einiges fehlt“, gibt der Generalvikar von Trondheims Bischofskirche zu. Eine Zeit lang habe er es mit einem Abendkurs versucht, „aber ich habe so viel zu tun, da musste ich die Kurse sehr oft ausfallen lassen“. Pfarrer Maczka ist aus Polen in die norwegische Bischofsstadt gekommen – in eine kleine katholische Kirchengemeinde, die in jüngster Zeit extrem gewachsen ist.
Allein die Zahl der registrierten Gemeindemitglieder ist in den vergangenen fünf Jahren von 2 000 auf rund 5 000 gestiegen – die tatsächliche Zahl der Gläubigen wird auf das Doppelte geschätzt. „Hier zu sein, ist eine hervorragende Aufgabe“, hat Maczka schnell gemerkt. „Teil zu haben an dieser hervorragenden Entwicklung der katholischen Kirche hier, da zu sein für die vielen Gläubigen, die immer noch etwas wollen von uns Priestern, die uns ansprechen, Fragen haben – all das ist wunderbar.“
Die lebendige Gemeinde Sankt Olav ist Sitz des katholischen Bischofs von Trondheim. Namensgeber ist der heilige Olav. Norwegens König starb vor rund 1000 Jahren im Kampf, als er das Christentum im Land durchsetzen wollte. Der Nationalheilige liegt an einem unbekannten Ort begraben unter dem evangelischen Nidarosdom, dem bedeutendsten Sakralbau Nordeuropas. Der prächtige Dom ist jährlich Ziel für Tausende von Touristen und Pilger aus der ganzen Welt. Schon im Mittelalter pilgerten Menschen aus ganz Skandinavien zum Grab des Heiligen. Noch heute werden Norwegens Könige hier prunkvoll in einer Krönungszeremonie gesegnet.
Nebenan geht es nicht so prächtig zu: Direkt über die Hauptstraße liegt die kleine Bischofskirche der katholischen Christen. Baufällig und viel zu klein ist sie, muss daher abgerissen werden: „Hallenbad“ ist der Spitzname, den die Trondheimer Bürger dem Gotteshaus wegen seiner maroden Optik gegeben haben. Nun soll für die gewachsene Gemeinde eine neue Kathe-dralkirche entstehen, die dem christlichen Zentrum Skandinaviens angemessen ist. Mitten in der Diaspora. Einzigartig im heutigen Europa. Ein Zeichen des Aufbruchs für die Christen aller Konfessionen.
Norwegen ist seit der Reformation fast ausschließlich lutherisch. Die Kirche ist sogar Staatskirche – Oberhaupt ist der König. So sind 80 Prozent der Bevölkerung Mitglieder der protestantischen Kirche – jedenfalls auf dem Papier. In der Realität führen Wohlstand und Säkularisierung zu einem starken Bedeutungsverlust der lutherischen Kirche in der Gesellschaft. Viele Norweger kommen mit ihrer Kirche nur noch bei Geburt, Hochzeit, Beerdigung oder bei kulturellen Veranstaltungen in Berührung. Ein Trend ähnlich wie in Deutschland.
Anders sieht es in der kleinen katholischen Gemeinschaft aus. Gerade mal zwei Prozent der Bevölkerung Norwegens sind katholisch, doch sonntags sind überall die Gottesdienste überfüllt, vor allem dank der vielen Einwanderer. Gerade Trondheim als boomende Universitätsstadt und Technologiestandort ist ein Magnet für Menschen auf der Suche nach Arbeit, Freiheit und Bildung. So beherbergt die Hafenstadt unter ihren gut 170000 Einwohnern eine bunte Vielfalt an Menschen aller Kulturen und Sprachen.
Da reicht ein Gottesdienst am Sonntag schon lange nicht mehr: „Wenn wir die Gemeinde auf vier oder fünf Messen aufteilen, dann ist die Kirche groß genug. Doch wenn wir die ganze Gemeinde versammeln wollen, ist sie viel zu klein“, erklärt Bischof Bernd Eidsvig. „Hier besuchen sonntags 1000 bis 1200 Gläubige die Messe.“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Osloer Bischofs, der zur Zeit auch für die Prälatur Trondheim zuständig ist, als er auf den alltäglich-sonntäglichen Trubel um den Kirchenbau zu sprechen kommt: „Wir haben hier eigentlich jeden Sonntag Pfingsten“, beschreibt er das Leben in und um die Gottesdienste, „so viele Nationalitäten, so viele Sprachen – und doch sind wir eine Gemeinschaft in Christus.“
Doch diese bunte Vielfalt bringt auch Schwierigkeiten mit sich: „Eine größere Kirche wäre wichtig für die Integration der vielen Kulturen“, betont Bischof Eidsvig. „Vor allem wegen der Kinder, denn die Sprache der Kinder ist norwegisch, auch die religiöse Sprache. Deshalb wäre ein Wunsch für die Zukunft, die vielen Gläubigen zusammen in einen Gottesdienst zu bringen, um noch mehr eine Gemeinschaft zu werden.“ Diese Erfahrung hat auch Lena Tande gemacht. Die Katechetin leitet den Kommunionunterricht: „Sehr oft spielen wir Szenen der Bibel nach, denn das ist eine gute Möglichkeit, sich kennenzulernen und die Geschichten der Bibel mit dem ganzen Körper zu erfahren. Wir versuchen, uns in der Katechese auf Dinge zu konzentrieren, die die Kinder anschließend mit ihren Eltern zuhause teilen können. So werden auch die Eltern an die Gemeinde gebunden – und das ist sehr wichtig.“
Leider bieten die Gemeinderäume der Olavs-Kirche nur wenig Platz für kinder- und familiengerechten Unterricht. Und mit den Jahren haben die extremen Temperaturschwankungen des skandinavischen Klimas auch der Bausubstanz heftig zugesetzt. Ausbessern wäre mindestens so teuer wie ein kompletter Neubau – und so will die agile Trondheimer Kirchengemeinde nun einen Neubau stemmen. Geplant ist eine dreischiffige Basilika. Zwölf Säulen teilen den Raum ein. Am Ende der Seitenschiffe sind ein Muttergottes-Altar und ein Altar zu Ehren des heiligen Olav geplant. Die neue Kirche wird 350 Plätze haben. Auch eine eigene Kinderkapelle ist vorgesehen.
Keine leichte Aufgabe für die Architekten: „Die Kommune hat uns um Feingefühl gebeten, denn die neue Kirche wird um einiges größer sein als die bisherige, und es soll nicht zu einem Wettbewerb mit dem Nidarosdom kommen“, erklärt Architekt Jon Morten Breidablik. Denn der Bauplatz für die neue Kirche ist der Standort der alten: Mitten im historisch bedeutenden Zentrum von Trondheim. „Und Trondheim ist das historische Zentrum Norwegens – vor allem in religiöser Hinsicht.“
„Der Neubau ist ein nationales Anliegen“, betont Bischof Eidsvig. „Wir sehen Trondheim als eine Art norwegia sacra, wo der heilige Olav, also der Schutzpatron des Landes, begraben ist. Dies ist Wallfahrtsort und ehemaliger Metropolitansitz. Wir brauchen einen würdigen Ort, an dem wir auch Touristen und Pilger aus der ganzen Welt willkommen heißen können.“ Doch für die kleine katholische Kirche in Norwegen stellt der Neubau der Bischofskirche einen großen finanziellen Kraftakt dar. Zehn Millionen Euro sind veranschlagt. Nur ein kleiner Teil kann durch die Kirche vor Ort aufgebracht werden.
Und so hoffen die katholischen Christen in Norwegen auf solidarische Unterstützung. Die Deutsche Bischofskonferenz hat das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken damit beauftragt, Spenden für den Bau der Kathe-dralkirche zu sammeln. „Es gibt leider nicht die Ressourcen hier“, erklärt Bischof Eidsvig. Die Gemeinden Norwegens sind geprägt von Einwanderern und Flüchtlingen, die oft selbst nicht viel Geld verdienen. „Aber mitfinanzieren werden wir, soviel uns möglich ist.“
Pfarrer Maczka sitzt derweil mit den Mitgliedern des Pfarrgemeinderats zusammen – acht Personen, fünf Nationen. Geplant wird ein Familientag: „Das ist eine ganz neue Situation“, beschreibt der Generalvikar die Planungen, „viele Einwanderer haben ihre Familienmitglieder nachgeholt. Und diese Familien pflegen die katholischen Werte. Das ist neu für Norwegen. Und das ist zurzeit das beste Beispiel, was wir als Katholiken hier für die Gesellschaft geben können.“
Liturgie der Woche
Sonntag, 20. Mai, 7. Sonntag der Osterzeit – Apg 1,15-17.20a.c-26, 1 Joh 4,11-16; Joh 17,6a.11b-19 – Namenstage: Elfriede, Bernhardin, Saturnina, Valeria
Montag, 21. Mai, Hl. Hermann Josef (Ordenspriester, Mystiker), Hl. Christophorus Magallanes (Priester) und Gefährten (Märtyrer in Mexiko) – Apg 19,1-8; Joh 16,29-33, vom hl. Hermann Josef (Sir 42,15-21b; Mt 11,25-30), vom hl. Christophorus und den Gefährten Offb 7,9-17 (ML IV 681); Joh 12,24-26 (ML IV 544) – Namenstage: Hermann Josef, Wiltrud
Dienstag, 22. Mai, Hl. Rita von Cascia (Ordensfrau) – Apg 20,17-27; Joh 17,1-11a – Namenstage: Julia, Rita, Emil, Renate
Mittwoch, 23. Mai – Apg 20,28-38; Joh 17,6a.11b-19 – Namenstage: Wiprecht, Desiderius
Donnerstag, 24. Mai – Apg 22,30;23,6-11; Joh 17,20-26 – Namenstage: Dagmar, Johanna, Esther
Freitag, 25. Mai, Hl. Beda der Ehrwürdige (Ordenspriester, Kirchenlehrer), Hl. Gregor VII. (Papst), Hl. Maria Magdalena von Pazzi (Ordensfrau) – Apg 25,13-21; Joh 21,1.15-19, vom hl. Beda (1 Kor 2,10b-16; Mt 7,21-29), vom hl. Gregor (Apg 20,17-18a.28-32.36; Mt 16,13-19), von der hl. Maria Magdalena (1 Kor 7,25-35; Mk 3,31-35) – Namenstage: Beda, Urban, Gregor
Samstag, 26. Mai, Hl. Philipp Neri (Priester, Gründer des Oratoriums), vom hl. Philipp Apg 28,16-20.30-31; Joh 21,20-25 (Phil 4,4-9; Joh 17,20-26), am Vorabend von Pfingsten Gen 11,1-9 oder Ex 19,3-8a.16-20 oder Ez 37,1-14 oder Joel 3,1-5, Röm 8,22-27; Joh 7,37-39 – Namenstage: Philipp Neri, Alwin
Sonntag, 27. Mai, Pfingsten – Apg 2,1-11, 1 Kor 12,3b-7.12-13 oder Gal 5,16-25; Joh 20,19-23 oder Joh 15,26-27;16,12-15 – Namenstag: Augustin
Der aus Lügde stammende Priester Otto Günnewich wurde 1942 im KZ ermordet
Gedenktafel erinnert an NS-Opfer

- Freuen sich über die späte Würdigung Otto Günnewichs in seinem Geburtsort Lügde: Pastor Peter Hellersberg, Otto Günnewichs Großneffe Dietrich Günnewich und Prälat Heinrich Festing (v. l.) mit der Gedenktafel, die der Bremer Künstler Heinz-Jürgen Gerdes geschaffen hat. Foto: Pyrmonter Nachrichten
Lügde. Späte Würdigung eines Opfers der NS-Willkürherrschaft: „Zeuge für Christus“ – diese Worte trägt eine Gedenktafel für den Pfarrvikar Otto Günnewich, die an diesem Sonntag, 20. Mai, an der Kirche seines Geburtsortes Lügde enthüllt wird. Sie erinnert an das Schicksal des Priesters, der im Alter von 40 Jahren im August 1942 von den Nazis im Vernichtungslager Schloss Hartheim bei Linz ermordet wurde.
von Andreas Wiedenhaus
„Zum Verhängnis dürfte Otto Günnewich ein Vorfall während der Fronleichnamsprozession 1941 in seiner Gemeinde Salway bei Eslohe geworden sein“, vermutet Prälat Heinrich Festing. Er hat den Seelsorger, der ein Vetter seiner Mutter war, noch persönlich kennengelernt und wird auch am Sonntag im Wortgottesdienst zur Enthüllung die Ansprache halten.
Besagte Prozession führte ein kurzes Stück über die Dorfstraße und verstieß damit gegen eine staatliche Verfügung von 1940, nach der Prozessionen auf einen Gang um das Kirchengebäude zu beschränken waren. Allerdings hatte es in Salway im Vorjahr eine Ausnahmegenehmigung gegeben. „Günnewich hat sich vermutlich darauf verlassen, dass diese weiter galt“, meint Prälat Festing rückblickend. Ausgerechnet zum Zeitpunkt der Prozession fuhren aber zwei NSDAP-Funktionäre mit dem Wagen durch den Ort und mussten wegen der Prozession warten. Welche Rolle die beiden genau spielten, ist allerdings bis heute nicht geklärt. Tatsache ist, dass der Priester im Juli 1941 verhaftet und nach Dortmund in das Gestapo-Gefängnis gebracht wurde.
Von dort aus kam er ins Bochumer Zentralgefängnis, wo er über Wochen in Einzelhaft saß. „Weder eine Anklage noch eine Verurteilung durch ein Gericht sind jemals erfolgt“, gibt Heinrich Festing zu bedenken. Die nächste Station war das KZ Dachau, in das Günnewich im November 1941 gebracht wurde. Er kam in den Priesterblock 26. Durch Schikane und harte Arbeit entkräftet brach er schließlich zusammen. Sein Name wurde auf die gefürchtete „Invalidenliste“ gesetzt. Das kam einem Todesurteil gleich. Der Seelsorger aus Lügde wurde daraufhin ins Vernichtungslager Schloss Hartheim bei Linz transportiert, wo er vergast wurde. „Tod infolge eines Darmkatarrhs“, lautete die offizielle Todesursache, die den Eltern in Lügde mitgeteilt wurde.
Die Beisetzung der Urne wurde dann zu einer Machtprobe zwischen Staat und der Mutter des Ermordeten. Heinrich Festing, der während seiner Lehrzeit als Tischler 1945 täglich bei den Eltern Günnewichs zu Mittag aß, erfuhr von der Mutter zahlreiche Einzelheiten, die ihm bis heute im Gedächtnis geblieben sind: „In dieser Situation hat sie unglaublichen Mut und Durchsetzungsvermögen bewiesen.“
Mit den Bedingungen, die die Behörden für die Beisetzung machten – sie sollte vor 6 Uhr morgens unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden – wollte sie sich nicht abfinden. Couragiert erwirkte Christine Günnewich beim Pfarrer, der zuerst zögerte, ein Requiem und öffentliches Begräbnis mit allen Ehren. Das setzte sie mit der Unterstützung ihrer anderen Söhne, die damals Militärdienst leisteten, auch bei der Polizeidienststelle durch.
„Wahrscheinlich fürchteten die Behörden ein öffentliches Aufbegehren der katholischen Bevölkerung Lügdes“, vermutet Prälat Festing hinter dem Einlenken. An der Beerdigung, bei der Günnewichs Urne in der Priestergruft der Kilianskirche beigesetzt wurde, nahmen fast alle Einwohner des Ortes teil. Laut Heinrich Festing, der selbst auch dabei war, „ein stiller Protest gegen die Machthaber und Mitläufer“.
Nachdem bereits zwei Anträge auf eine Straßenbenennung in Lügde nach Otto Günnewich abgelehnt worden waren, wird nun mit Unterstützung der Firma Schwering und Hasse, die die Gedenktafel gestiftet hat, ein spätes Zeichen gesetzt.
Info
Der Wortgottesdienst zur Enthüllung und Segnung der Gedenktafel an der Kirche St. Marien in Lügde wird am Sonntag, 20. Mai, um 17 Uhr gefeiert.







